Seit einigen Monaten wird der Streit um die ACTA Ratifizierung durch Deutschland in den Medien diskutiert. Tausende Demonstranten haben öffentlich gegen das Abkommen demonstriert und viele fragen sich: “Warum?“.
Wir möchten mit dieser Zusammenfassung zur eigenen Meinungsbildung animieren, da wenig über Inhalte, Gründe und Folgen geschrieben wird.
Was ist ACTA?
ACTA steht für Anti-Counterfeiting Trade Agreement, welches von Japan und den USA initiiert wurde.
Es soll die Durchsetzung von Schutzrechten für das geistige Eigentum als Mindeststandards in den Mitgliedsstaaten festschreiben. Dabei handelt es sich nicht um die Normierung von Schutzrechten, die bereits 1994 als Zusatz zum internationalen Zoll- und Handelsabkommen (GATT) definiert wurde. (Siehe Übereinkommen über handelsbezogene Aspekte der Rechte am geistigen Eigentum (TRIPS).
ACTA setzt TRIPS ausdrücklich nicht außer Kraft, sondern definiert die Pflichten zur Durchsetzung für die Vertragspartner. ACTA gibt vor, was hierbei in geltendes Recht umzusetzen ist.
Kritik
ACTA ist unter intensiver Einwirkung von Lobbyisten der Rechteinhaber entstanden. Die Öffentlichkeit wurde in das Verfahren nicht eingebunden. ACTA verpflichtet bei Ratifizierung zur Gesetzgebung. Diese Verpflichtung widerspricht dem Deutschen Grundgesetz und dem Verfahren in der Gesetzgebung durch die Legislative.
Das Ergebnis der ACTA Vorgaben sichert den Status Quo und passt sich nicht den aktuellen Herausforderungen einer verteilten Kommunikation im Netz an.
Gerade bei immateriellen Gütern, wie Filmen, Musik und Bildern haben die Rechteinhaber die Mechaniken im Internet nicht verstanden und versuchen mit Blockaden, Überwachung und Verboten gegen Lizenzvergehen anzukommen.
Diese Haltung verfolgt zum Beispiel der Verband der Musikindustrie bereits seit über einem Jahrzehnt. Vorteile, wie die einfache Distribution von Musik über das Internet wurden lange Zeit unterbunden, um bestehende Verkaufskanäle zu schützen. Es wurden weiterhin Pakete (Alben) und nur selten Einzelstücke über das Internet verkauft, DRM Maßnahmen auf Kosten des Konsumenten integriert und vor allem zu ähnlich hohen Preisen angeboten. Dieses obwohl die Herstellung von Tonträgern und der Zwischenhandel weggefallen sind.
Erst ein Computerhersteller hat gezeigt, dass auch ohne Blockade ein wirtschaftlicher Erfolg möglich ist. Zwischen 2003 und 2010 wurden 10 Milliarden Musiktitel über den iTunes Store verkauft.
Einer der Hauptkritikpunkte der ACTA Gegner ist: Das bestehende Urheberrecht ist im vermaschten, digitalen Zeitalter veraltet und reformbedürftig.
Nach Ansicht der Gegner beschneidet ACTA Freiräume für Innovationen, da bestehende Geschäftsmodelle bevorzugt werden.
ACTA ermöglicht, nach Ansicht einiger Juristen, die Durchsetzung von Trivial-Patenten, wie dem Ladebalken (SONY), Doppelklick (Microsoft) und One-Click Patent (Amazon). Dieses würde die Entwicklung von Systemen und Vereinfachungen von gelernten Benutzerführungen entgegenstehen. Die Nutzung von neuen Systemen und Prozessen würde komplizierter für den Nutzer.
TRIP (und damit ACTA) bezieht sich aber nicht nur auf immaterielle Güter und Ideen, sondern auch auf Lizenzrechtlich geschützte Produkte, wie Medikamente. Gerade bei Generika wird befürchtet, dass der Zugang für ärmere Länder zu lebenswichtigen Arzneimitteln erschwert wird. Befürworter sehen dieses Problem nicht und verweisen auf die Gefahr von Gesundheitsschäden durch gefälschte und minderwertige Produkte.
Durch die Definitionen vor Vorgehensweisen bei Schutzverletzungen, wird das Recht auf ein angemessenes Verfahren unterwandert. Amnesty International sieht des Weiteren auch die Menschenrechte auf Achtung des Privatlebens, der Informations- und Meinungsfreiheit und eben dem Zugang zu lebenswichtigen Medikamenten gefährdet.
ACTA legt nahe, durch Kooperationsbemühungen (zu Internetprovidern), die Rechtsdurchsetzung im Netz zu fördern. Damit wäre die neutrale Rolle des Providers als Übermittler nicht mehr gegeben, was dann auch rechtliche Folgen mit sich zieht. Der Provider wäre auch für von Ihm übermittelte Inhalte verantwortlich zu machen.
Für ACTA spricht, dass der Schaden, der durch Fälschungen von Markenware und andere Verstöße gegen das geistige Eigentum entsteht, sehr hoch ist. Laut EU-Kommission entstehen Europa jährlich acht Milliarden Euro Verluste durch Produktfälschungen. Darüber hinaus sieht sie Innovation und Kreativität gefährdet, wenn die Rechte-Inhaber nicht sicher sein können, dass sich ihre investierte Energie voll auszahlt.
Aktueller Stand
Am 1. Oktober 2011 haben Kanada, Australien, Japan, Marokko, Neuseeland, Südkorea, Singapur und die USA das ACTA Abkommen unterzeichnet. Am 26 Januar zogen die EU, Österreich, Belgien, Bulgarien, die Tschechische Republik, Dänemark, Finnland, Frankreich, Griechenland, Ungarn, Irland, Italien, Lettland, Litauen, Luxemburg, Malta, Polen, Portugal, Rumänien, Slowenien, Spanien, Schweden und das Vereinigte Königreich nach.
Noch hat keines dieser Länder die Ratifizierung beim Depositar Japan hinterlegt.
Innerhalb der EU-Kommission werden die Folgen des recht unscharf formulierten Vertrages diskutiert. Auf der einen Seite wurden viele neue juristische Formulierungen eingeführt, deren Auswirkungen in der Praxis noch nicht klar sind. Auf der anderen Seite fehlen Details, die eine fundierte Entscheidung nahezu unmöglich machen.
Kader Arif, der Berichterstatter im Handelsausschuss der EU-Kommission ist aus Protest gegen die Unterzeichnung zurückgetreten. (ARTE Interview)
Damit ACTA in der EU in Kraft tritt, muss die Zustimmung des Rats der Europäischen Union in zwei Schritten erfolgen:
Beschluss zur Unterzeichnung des Abkommens
Beschluss über die Verabschiedung des Abkommens
Der erste Schritt ist am 16.Dezember 2011 in einer nicht öffentlichen Sitzung im Rat für Landwirtschaft und Fischerei erfolgt.
Der zweite Schritt muss durch die Mitgliedsstaaten selbst ratifiziert werden, da das Abkommen Regelungen zum Strafrecht beinhaltet und damit in ihre Rechtsprechung eingreift.
LINKS:
ANONYMOUS erklärt ACTA (http://www.youtube.com/watch?v=9LEhf7pP3Pw)
Dieter Nuhr – PRO ACTA (http://www.youtube.com/watch?v=-ZIasYdIBHA)
Rob Reid TED Conference (http://www.youtube.com/watch?v=GZadCj8O1-0)